|
|
Liebe Freunde, Interessierte und alle, die schon ein Stück Weg mit mir gegangen sind,
|
Willkommen zu einem neuen Lebenszeichen.
|
Und wieder habe ich viel nachgedacht diesen Monat. Eine Freundin würde sagen, das ist typisch für mich. Ich bin immer etwas am Denken. In letzter Zeit sowieso, da ich meine Trauerbegleitungs-Abschlussarbeit schreibe.
|
Im letzten Newsletter sagte ich, ich erzähle etwas zu meiner Vision einer lebendigen Trauerbegleitung.
|
In meinem Leben habe ich bereits zahlreiche Veränderungen erlebt: als Scheidungskind aufzuwachsen, in die Schweiz zu ziehen, eine neue Sprache zu erlernen, als Künstlerin zu leben und zu lieben, bis die grösste aller Veränderungen eintraf: der Verlust meines Mannes.
|
Rückblickend sehe ich heute, dass meine Trauerbegleitung schon im Leben stattgefunden hat: Wir schrieben gemeinsam den Nachruf am Spitalbett und planten die Abschiedsfeier. In der Woche vor seinem Tod entstand eine Bucket-Liste von Lieblingsgerichten. Wir haben nur noch bestellt, was er liebte: seine ganz persönlichen Henkersmahlzeiten. Und die letzten Menschen kamen vorbei, um Abschied zu nehmen.
|
Das war meine lebendige Trauerbegleitung: eingebunden sein in diesen Sterbeprozess.
|
|
Wer nicht trauert, bleibt stehen. Wer trauert, bewegt sich - in Richtung Leben.
|
An meine Ausbildung anknüpfend arbeite ich mit fünf Gefühlen: Herzgefühle, Wutgefühle, Trauergefühle, Gemeinschaftsgefühle und Triumphgefühle.
|
Wenn ich mich im Alltag achte, erlebe ich immer mehr Situationen, in denen bestimmte Gefühlsebenen mir bewusst zum Vorschein kommen. Es ebbt und fliesst wie das Ozean. Es gleitet in meine Alltagstrauermomente, die immer wieder und überall stattfinden.
|
Zum Beispiel als der Tod auf Besuch im Seeland kam, genauer: in Kerzers, ein Nachbardorf. Am 10. März in Kerzers hat sich ein Mann in einem Postauto selbst angezündet. Sechs Passagiere, der Busfahrer und der Mann selber kamen ums Leben. Sie waren 16, 25, 29, 39, 63 und 65 Jahre alt geworden. Ich kenne sie nicht, und Kerzers ist nicht in unserem Lebensradius. Trotzdem holte es mich ein.
|
Vier Tage später sitze ich im Taxi spät in der Nacht. Der Taxifahrer holt uns ab und fängt an, etwas Smalltalk zu machen. Ich mache mit. Ich frage ihn, ob er auch schon nach Kallnach von Biel aus jemanden gefahren hat. Er verneint, sagt aber dazu, dass er in Kerzers war, weil er eine junge Frau fahren musste. Dann schaut er mich kurz in den Rückspiegel an und fragt, ob ich von dem Unfall gehört habe. Ich sage ja und frage ihn, ob er jemanden kannte. Er sagt, die junge Frau kannte drei der Verstorbenen. Ich sage nur: "Puh, ja, das ist hart." Den Rest der Fahrt erzählt er, wie sich diese junge Frau in nur vier Tagen verändert hat: am Boden zerstört, keine Lebensfreude mehr. Vorher hat sie immer gelacht, sich geschminkt, hübsch war sie. Jetzt weint sie nur noch den ganzen Tag, läuft im Trainer herum, will niemanden sehen. Er wollte ihr helfen, deswegen fährt er sie nun überall hin, wenn sie das braucht. Ich sage ihm, ich finde das eine sehr schöne Form von Unterstützung dieser jungen Frau gegenüber, in dem Moment, in dem ihre Welt aus den Fugen geraten ist. Er erkennt ihr Leid und handelt, weil er glaubt, es macht ihr Leben im Moment etwas leichter. Ganz einfach. Ganz konkret. Ich finde das unglaublich stark.
|
Manchmal braucht die Trauer auch ein Gegenüber, um sich zu zeigen. Mitte März erreichte mich die Nachricht über den Tod meines Göttis (siehe Beitrag). Als ich den Brief bekommen habe, kamen keine Tränen. Wir gingen an die Beerdigung, und erst dort, als so viele Erinnerungen über mich flossen, konnte ich wie ein Schlosshund heulen. Und da erkenne ich etwas: in einer gemeinschaftlichen Abdankungsfeier wird etwas ausgelöst. Für diese Erkenntnis bin ich dankbar und demütig.
|
Vor dem Blumenmeer stehend, das sich in Kerzers an der Strasse sammelt, sehe ich die Gemeinschaftsgefühle eines ganzen Dorfes. Aber ich sehe auch: Ohnmacht.
|
|
Ich sehe meine eigene Ohnmacht vor dem Briefkasten stehend, mit aufkommenden Erinnerungen. Allein zu Hause. Ich bin immer alleine in diesen Momenten, wenn der Tod auf Besuch kommt.
|
|
|
|
|
Bis dann, von meinen Knochen zu deinen, wünsche ich euch gute Zeiten.
|
|
|
Wenn du dieses Lebenszeichen weitergeleitet erhalten hast und künftig selbst eines empfangen möchtest, kannst du dich hier eintragen.
|
|
|
|
|